Die wilde Frau


Es war einmal, vor langer, langer Zeit, ein junges Mädchen. Sie stand an der Schwelle zur Frau, jedoch war das untrüglichste Zeichen ihres Frauseins, die Mens, noch immer nicht da.

„Ach, wenn ich doch nur schon eine echte Frau wäre!“, lamentierte sie.

All ihre Freundinnen hatten die Mens schon – das Mädchen fühlte sich ausgeschlossen, ja, fast schon heruntergesetzt in ihrem Wert.

„Ach, wenn ich doch nur schon eine echte Frau wäre!“, lamentierte sie wieder.

Sie fragte überall nach, bei anderen Frauen, die ihre Mens schon lange hatten. Sie hörte die schlimmsten Sachen, sie solle froh sein, noch nicht mit der Mens belastet zu sein, die Schmerzen nicht zu haben und gar diese Launenhaftigkeit während „den Tagen“! Und dass sie doch bitte nicht so offen darüber reden solle, das „macht man einfach nicht“.
Doch das Mädchen wusste über diese Klischees Bescheid. In ihrer Gesellschaft wurde die Mens als etwas Schlechtes, fast Böses behandelt; es war unrein und man vertuschte es gern.
So suchte sie weiter nach einer Antwort und fragte schließlich ihre Großmutter. Sie war irgendwie nicht wie all die anderen, sondern hatte für viele Probleme eine Lösung anzubieten.
„Ja, mein Kind, was liegt dir auf dem Herzen?“
„Ach, Großmama, alle meine Freundinnen haben schon ihre Mens, nur ich bin die Einzige, die noch sehnlichst darauf wartet. Ach, wenn ich doch nur schon eine echte Frau wäre!“
Großmutter überlegte nicht lange, lächelte und sagte:
„Weißt du, mein Kind, in dir schlummert eine machtvolle Frau. Sie erwacht bald aus ihrem Schlaf – nein, eigentlich transformiert sie sich gerade.“
„Sie transformiert sich?!“
„Ja.“ Großmutter lächelte etwas geheimnisvoller. „Versuche doch einmal, mit ihr zu kommunizieren. Geh an einen schönen Ort, wo du ungestört bist.“
Das Mädchen tat, wie ihr geheißen, gleichwohl ihr etwas seltsam nach diesem Ratschlag war.
Sie ging zu ihrem Lieblingsbaum im Wald, setzte sich darunter und wurde still.
„Du machtvolle Frau in mir“, begann sie in Gedanken, „warum muss ich so lange auf dich warten?“
Eine Zeit herrschte Stille.
Dann sah sie vor ihrem inneren Auge eine Frau, gekleidet in feurigen Rot- und Brauntönen. Sie sah wild aus, und das Mädchen fürchtete sich fast ein wenig.
„Was willst du?“, donnerte deren Stimme.
Das Mädchen schluckte. „Warum muss ich so lange auf dich warten?“, wiederholte sie ihre Frage.
Die wilde Frau kam näher. Das Mädchen schaute ihr in die Augen - und sah in die Augen eines Mädchens, ihre Augen!
Darin spiegelte sich ihre Kindheit wieder. Ihr Tollen über Wiesen, Spaziergänge im Wald, wo sie Blumen pflückte, die Fröhlichkeit, die sie in letzter Zeit ein wenig verlassen hatte. Sie sah sich selbst in weißen Kleidern und frei wie der Wind.
„Dies ist der Teil deines Lebens, den du hinter dir lassen wirst“, begann die Frau vor ihr. „Du wirst nicht mehr das Mädchen von damals sein. Bewahre dir immer diese Erinnerungen – und Fantasie plus Fröhlichkeit. “ Die wilde Frau lächelte verschmitzt, was sie wie ein junges Mädchen aussehen ließ.
Dann wurde sie wieder ernst. „Es dauert nicht mehr lange, dann ist meine Transformation beendet. Genieße solange den Teil, den du hinter dir lassen wirst, bevor du den genießen kannst, in dem ich dich begleite.“
Damit verschwand diese eindrucksvolle, starke Frau und das Mädchen öffnete die Augen.
Sie verstand jetzt, dass jener Teil ihres bisherigen Lebens nichts Schlechteres ist als der, der noch folgen sollte, nein, er war genauso kostbar wie das, was sie sich herbeisehnte.
Kurz fragte sie sich, woher ihre Großmutter von dieser Frau wusste. Jedoch vergaß sie es schnell wieder, als sie sich entschloss, zum See hinunter zu laufen und den freien Teil ihrer Kindheit noch einmal zu genießen.
Und so wie es damals war, ist es auch heute.

© Teleri Juni 2004